12. Juni - Ich platze gleich Tag

Heute werden wir bereits von Michele gewarnt, das wir viel Hunger mitbringen müssen.

Aber erst einmal geht es wieder zu Bar, wo wir frühstücken. Einige Polizisten stehen vor der Tür und wir fragen Michele wieviele verschiendene Polizisten es denn nun eigentlich in Italien gibt. Da sind viele, die allen einem anderem Ministerium unterstellt sind: die Carabinieri (Verteidigungsministerium) La Polizia dello Stato (Innenministerium), Guardia di Finanza (Finanzministerium), Guardia Costiera (Verkehrsmisterium)  Corpo Forestale dello Stato (Landwirtschaftsministerium), Polizia Peninzientara (Justizministerium / Gefängnispolizei) dann noch die Polizia Munizipale (Gemeindepolizei)

Und alle arbeiten mehr oder mehr weniger gut miteinander....

Nach dem Frühstück fahren wir richtung Süd-Osten in die Berghügel und richtung Cori, einer Bergstadt mit griechischen Tempeln. Unterhalb dieser Stadt befindet sich das Weingut  Cincinnato.

Dieses Weingut wird von einem Consorzio von über hundert Wein- und Olivenbauern der Region betrieben, die sich zusammengeschlossen haben und sich geeinigt haben nur typische lokale Weintrauben wie die Nero Buono und die Bellone Traube zu verwenden. Dies in möglichst bester Qualität und Reinheit.

Ein altes Weingut aus dem 19. Jahrhundert wurde liebevoll restauriert und mit einem modernen Anbau ergänzt. Im alten Teil befinden sich Hotelzimmer und die Weinhandlung, im neuen Teil das exklusive Weinrestaurant, welches bereits einige Preise gewonnen hat.

Wir parken unter blühenden Linden, die an diesem heissen Tag herrlichen Schatten liefern und zudem gut riechen.

Vor dem Weingut haben sie einen wirklich alten Olivenbaum platziert. 

Die ca. 3-4 meter hohe Tür zum Restaurant ist aus alten Weinfässer-Hölzern modern gestaltet. In der Eingangshalle, welche durch Dachfenster gut beleuchtet ist, befindet sich moderne Kunst, die hier gut hinpasst und natürlich das Thema Wein hat.  An der Wand hat es ein Fenster, das uns erlaubt den Köchen auf die Finger zu sehen. Michael ist entzückt, denn die benutzen einen Ratioalofen. Aber er merkt gleich, dass sie den manuell benutzen und nicht mit den vorgegebenen Programmen, die ihnen die Arbeit bei weitem erleichten würde.

Vor dem Restaurant hat es einen grossen Empfangstisch an dem ein etwas dicklicher Mann sitzt und nicht sehr motiviert dreinschaut. Er ist es auch nicht, denn auf Micheles Ansage, dass er einen Tisch reserviert hätte, werden wir einfach zu einer jungen Dame verwiesen. Wir gehen ins von Glaswänden umgebene Restaurant die die Sicht auf Weinberge und das weite Tal vor uns freigeben. Dieser Saal ist jedoch nahezu leer, da Tische und Stühle fast alle entfernt wurden.

Diese stehen nun draussen auf der Terasse, diese wurde mit Holzplatten auf oder im Grass gebaut. Dezent verstreut sind modern Kunstobjekte aus Weinfässern (Holz und Metalringe).

Die Tische werden von crèmeweissen Sonnenschirmen beschattet und sind mit elegantem Geschirr bedeckt. Wir bekommen jedoch einen Tisch an der Hauswand. Dort ist es jedoch schön schattig und wir haben einen guten Blick auf das Geschehen. Alles hier ist wirklich schön gepflegt. Ich bin wirklich erstaunt, dass das Restaurant bereits acht Jahre alt ist, es sieht fast neu aus.

Wir entscheiden uns für eines der drei Weindegustationsmenus.

Dieses besteht aus:

Ein Vorspeisenteller mit 5erlei Käse, einem kleinen Risotto-Safran-Ring, einem kleinen Zucchiniflan, einer wirklich überraschend erstaunlich guter Crespelle mit Honig - dazu ein Teller mit Salami, Prosciutto, einem Reh-Bresaola mit Olivenemulsion - die einfach unglaublich gut war und einem Crostini mit Oliventapenade

Danach einen Teller mit Spaghettone an einer Erbsen, Spargel und Zucchiniblütensauce, die mit lokalem Safran verfeinert wurde

Ein langsam geschmortes Rindsragout (das gut und gerne 2-3 Stunden länger hätte schmoren können, schade) gegrillten Kartoffeln, Gemüse und eine leckere Reduktion aus dem Nero Buono Wein, der auch zum Essen gereicht wurde.

Danach ein Dessert aus Wahl, Michael hatte ein Zuppa Inglese (diese musste er auch in seiner Lehre machen und er wollte wissen, ob diese hier ähnlich ist) , Michele und ich hatten eine art Crème brullé mit in Süsswein eingelegten Aprikosenscheiben.

Zu jedem Gang gab es einen speziellen Wein. Gut geschmeckt hat uns der Ballotine "Kori Brut". Ballotine = Blässchen, nennen sie hier die Spumante/Prosecco ähnlichen Weine. Was für ein hübsches Wort.

Auch der Süsswein war gut und hat sogar mir geschmeckt, weil er nicht ganz so süss daher kam. Insgesamt merkte man den Weinen an, dass hier mit Liebe und Stolz gekeltert wird. Alle wurden gebürdig vorgestellt und ihre Vorzüge hervorgehoben.

Michele erklärte uns, dass Lucius Quinctius Cincinnatus, der sowohl Cincinnati wie auch diesem Weingut den Namen vermachte, ein Römischer Beamter war, der sich entschied als einfacher Bauer zu leben und zu arbeiten. Zweimal wurde er vom Römischen Senat gebeten das Amt des Alleinherrschers als Diktator zu übernehmen und Rom zu retten. Dies tat er und zweimal legte er prompt sein Amt wieder nieder, wofür er auch keine Bezahlung verlangte und kehrte zu seinem Bauernhof  und sein einfaches Leben zurück. Er galt und gilt heute noch als Symbol guter Führung und als Musterbeispiel der republikanischen Tugenden.

Er fragte dann zwei Kellner nach dem Ursprung des Namens Cincinnato, doch beide wussten es nicht. Der erste kam mit einer Broschüre über das Weingut zurück, wo nur die Geschichte des Weinguts abgebildet war, der Zweite ging und erkundigte sich und wusste zumindest, dass es sich um einen berühmten Römischen Beamten handelte. Er konnte uns jedoch noch ergänzend sagen, dass die Weine alle nach den griechischen Tempeln und deren Göttern der Stadt Cori benannt wurden, zu deren Füssen das Weingut liegt. 

Michele konnte es dann nicht lassen, den Koch noch kommen zu lassen und erklärte das Michael in der Schweiz für die Firma Rational arbeitet. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass das Fleisch nicht ganz zart war, wie es hätte sein sollen und er entschuldigte sich mit dem vermerk "human error". 

Ich versuchte die Situation noch zu retten, indem ich erwähnte, dass der Rest aber wirklich hervorragend geschmeckt hätte und alles in allem perfekt war. Zumal der Preis 55 Euro echt ein Schnäppchen war.

Gut genährt und mit einem leichten Schwips statteten wir dem Weinshop noch einen Besuch ab. Michele bestand darauf uns und meiner Mutter, die das heutige Essen bezahlt hatte, eine Magnumflasche von dem Balletone "Kori" zu schenken. Michael und ich schauten uns nur noch an, denn mit den 4 Kg Salami (den sie übrigens wegen seiner Form Mauleselhoden / Testiculo di Mulo nannten 😂 und den Michele deswegen fast nicht kaufen wollte, weil es jemanden verstören könnte) und den 3 Litern Wein, waren wir bereits mehr als genug über der erlaubten Einfuhrerlaubnis für die Schweiz.

Eigentlich wollten wir ja nach Rom nochmals einige Tage in die Toskana zurück oder weiter hinauf richtung Cinque Terre an die Küste. Aber ohne richtige Kühlung war uns das nicht wohl. So dass wir uns entschieden am nächsten Tag schon zurück in die Schweiz zu fahren.

Den Nachmittag verbrachten wir in Sassi Rossi mit einem Nickerchen. 

Dann fuhren wir, beziehungsweise Michel fuhr uns, nach Rom. Dort kurvte her in den engen Gassen umher auf der Suche nach einem Behindertenparkplatz - doch alle Parkplätze waren weg und die wenigen Behindertenparkplätze die vorhanden waren, waren Bewohnern Roms mit speziellen Nummern vorbehalten. 

So liess er uns vor dem Restaurant "L'Eau Vive de Roma" heraus und suchte weiter weg sein Glück. Es war bereits 9 Uhr abends. Aus der Telefonischen Reservation, die Michele mit dem Restaurant führte, wusste ich bereits, dass das Restaurant von Nonnen geführt wurde. Diese begrüssten uns jedoch nicht ihn ihrem üblichen Habit sondern in den Trachten der Länder, aus denen sie herkommen begrüssten uns die Schwestern. Eine hatte ein Afrikanisch buntes Gewand mit Turban auf, die andere ein typisch Tailändisches Kleid. Der untere Stock ist eher einfach, doch wir mussten eine kleine enge Wendeltreppe hinauf und dort offenbarte der Ort seinen speziellen Charakter.

Die Räume waren Hoch und an der Decke mit Malereien und Stuck verziert. Der erste Raum war voller junger Priester, die offensichtlich was zu feiern hatten und gut gelaunt waren. Im Zweiten Raum war nur zwei Holländerinnen. Da es doch etwas stickig war, wählte ich den Tisch am geöffneten Fenster, das mit schweren samtenen Vorhängen drapiert war.

Erst vertrösteten wir das Personal etwas. Michele rufte dann an, dass er über dem Tiber, also ein sehr grosses Stück weg endlich einen Parkplatz gefunden hätte und jetzt ein Taxi genommen hat. Dass er aber erst ca. 1 km zu Fuss gelaufen ist, erzählt er uns erst später. Wir sollten schon mal bestellen.

So bestellte ich uns einen Weisswein und einen Crudité Salat für zwei. Danach das Tagesmenü für 3. Viel Hunger hatten wir ja auch gar nicht mehr nach dem üppigen Mal am Nachmittag.

Dann kamen die Nonnen und verteilen einen Zettel worauf ein Ave Maria text stand. OK, dachte ich mir.

Die beiden Holländerinnen waren fertig mit dem Essen und verliessen das Restaurant - zu schade, denn sie verpassten die ganze Show.

Dann kamen in jeden Raum drei Nonnen und tanzten, ja tanzten einen recht modernen Tanz. Das war so niedlich und etwas unbeholfen, dass wir einfach etwas mitwippen mussten. Dann kam eine Nonne mit Guitarre und weitere Nonnen und fingen an dieses Ave Maria zu singen. Als Gast wird man aufgefordert mitzusingen, wenn man mag. Auch das machten wir. Die Melodie war recht eingängig und vom Nebenraum singen die jungen Priester kräftig mit. 

Dann wurde noch ein Song zum Besten gegeben mit Trommeln diesmal, jedoch nur im Raum der Priester. Die dann frenetischen Applaus gaben aber kurz danach das Restaurant verliessen. So waren wir die letzten Gäste. 

Das l'Eau de Vivre ist nun vielleicht nicht das beste Restaurant, auch nicht das schlechteste, aber es ist doch etwas ganz spezielles. Diese Restaurants gibt es fast weltweit und die Nonnen verdienen so ihr Geld für ihre Projekte in ihren Heimatländern.

Ich fragte Michele beim Dessert, ob wir nicht auch bald gehen müssten, den Italien hat ja noch Ausgangsperre von 12 Uhr nachts bis morgens um 5 Uhr. Der meinte nur, wenn wir angehalten würden, dann sollen wir so tun, als ob wir einen Ehestreit hätten, der ausartete und er als Psychologe gerufen wurde um uns zu therapieren. Typisch Michele 😂😂😂! Typisch Italien! Ach, wie hab ich das vermisst.

Wir gehen hinten raus, wo es ein elegantes Marmor Treppenhaus hat und sogar einen Personenlift. An einer goldenen Tafel endecke ich das hier auch das "Instituto Nazionale di Fisica Nucleare" befindet. Tönt geheim und schon geht meine Fantasie mit mir durch und ich fühle mich in das Buch "Illuminati" versetzt. Schon sehe ich Tom Hanks, im gleichnahmigen Film, fast irgendwo einem Rätsel hinterherhetzen.

Verstärk wird das ganze, dadurch, dass die Schwester Maria uns erst in einen dunklen Hinterhof voller eleganter Autos und dann durch eine kleine Holztüre, die in ein riesengrosses Tor eingelassen ist und wo wir alle unsere Köpfe einziehen müssen, wieder auf die Gasse herausgelassen werden.

Wir laufen durch das nächtliche Rom, das gar nicht ruhig ist. Menschen laufen hier mal mit und mal ohne Maske herum, sitzen noch in Kaffees und man merkt nicht, dass es bald gegen Mitternacht und der Ausgangssperre geht. Auf dem Piazza Navona tummeln sich auch viele Leute, jedoch nicht soviele wie zu normalen Touristenzeiten. Es hat auch nicht ganz so viele Strassenmaler und Künstler. Trotzdem toll dieses Leben in den Strassen, dieses pulsieren der Lebensfreude. Trotzdem behalte ich meine Maske auf. 

Michele muss sich kurz ausruhen. Er hat einen Stock, der einen integrierten Sitz hat, den er nun aufklappt und sich hinsetzt. Ich frage, ob wir nicht doch ein Taxi nehmen sollen, doch MIchele winkt ab. Er meint mit dem ausruhen geht das schon. So betrachten wir das Geschehen auf der Strasse und machen noch einige Bilder.

Bald erreichen wir die Brücke, die über den Tiber zum Justizpalast führt, wo Michele sein Auto geparkt hat. Auch auf der Brücke machen wir nochmals halt und geniessen das Lichtsspiel, dass sich auf dem dunklen Tiber wiederspiegelt. Rom die ewige Stadt, die Stadt der 7 Hügel, Rom, für mich, die schönste Stadt Europas. Es ist schön hier zu sein.

Die Fahrt nach Hause, ist dann auch typisch MIchele und Italien - ein Graus. Er fährt wie ein Beserker (kampflustig und wild) erst durch Rom und dann über die hubbelige Pontina zurück nach Sassi Rossi.

Michael und ich halten uns krampfhaft am Auto fest und singen innerlich wohl nochmal das Ave Maria - wer weiss vielleicht ist unser letztes Stündchen nah.

Aber nein, wir kommen heil an und gehen gleich fast platzend von dem vielen Essen, den Eindrücken und dem Wein ins Bett.


























































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